Bei Sion wechseln die Torhüter fast so schnell wie die Trainer. Mit Andris Vanins steht nun aber ein Lette zwischen den Pfosten, der sich weigert, diese Position schnell wieder zu verlassen. Argumente, um zu bleiben, hat er genug.
Im Eishockey ist es wegen der Ausländerbeschränkung ein Risiko, einen ausländischen Goalie zu verpflichten. Weil die Schweizer Torhüter insgesamt ein gutes Niveau aufweisen und ein ausländischer Goalie einem ausländischen Feldspieler den Platz wegnimmt, wird ein solcher nur verpflichtet, wenn es sich um einen Mann von internationaler Klasse wie Ari Sulander, Sébastien Caron oder Jussi Markkanen handelt.
Im Fussball spielen Ausländerbeschränkungen seit dem Bosman-Urteil keine entscheidende Rolle mehr. Aus diesem Blickwinkel ist es eigentlich erstaunlich, dass knapp die Mehrheit der Super League-Goalies immer noch Schweizer sind.
Weniger erstaunlich ist, dass der FC Sion zu denjenigen Teams gehört, die einem ausländischen Goalie das Vertrauen schenken. Gehört doch zur Zeit bei den Wallisern kein einziger Schweizer Spieler der Stammformation an.
Nachdem der Aufstiegs-Goalie Germano Vailati vom impulsiven Präsident Christian Constantin öffentlich demontiert worden war und auch auf die durchaus valablen Schweizer Alternativen David Gonzalez und Nicolas Beney nicht gesetzt wurde, verpflichteten die Walliser mit dem zweimaligen besten Torhüter der Afrikameisterschaften Essam El Hadary einen Paradiesvogel, dessen Leistungen schlussendlich aber dem Super League-Niveau nicht genügten. Die Umtriebe rund um seinen Transfer hatten sich nicht gelohnt.
So schlug die Stunde von Andris Vanins. Der Lette ist in vielem das Gegenteil seines nordafrikanischen Vorgängers: ruhig, stabil, ohne Theatralik und Mätzchen. Sicherlich hat dies auch mit dem Umfeld im Herkunftsland zu tun. El Hadary ist in Ägypten ein Volksheld, der sich in einer irrationalen und oftmals überbordenden ägyptischen Fussballwelt bewegt.
Andris Vanins kommt hingegen aus einem Land, wo Fussball hinter Eishockey und Basketball höchstens die Sportart Nummer drei ist. Dies hat ihn nicht daran gehindert, seit seiner Ankunft in der Super League mit guten Leistungen zu überzeugen und die jahrelange Goalie-Diskussion im Wallis zum Verstummen zu bringen. Die Schweiz ist Vanins zweiter Anlauf im Ausland, nachdem er in jungen Jahren in Moskau nicht an russischen Goaliegrössen wie dem Ex-Nationalgoalie Alexander Filimonov vorbeigekommen ist.
Im Gespräch mit sport.ch äussert sich der 29-jährige über Kommunikation in einem Multikulti-Team, seine Stärken und Schwächen, die Unterschiede zwischen der Lettischen und der Schweizer Liga, und er erklärt, warum mit Sion in dieser Saison noch viel drinliegt.
sport.ch: Andris Vanins, Sie kamen aus Lettland hier in die Schweiz, um in der Super League zu spielen. In Lettland sind Sportarten wie Eishockey oder Basketball populärer als Fussball. Wollten Sie schon immer Fussball spielen?
Andris Vanins: Im Prinzip ja. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, wo es nur den Fussballverein gab. Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Fussball zu spielen. Es hat sich so entwickelt, dass ich heute immer noch Fussball spiele und ich bin sehr glücklich dabei.
Waren Sie schon immer Torhüter?
Ich habe mal als Feldspieler angefangen, stand dann eine Weile im Tor, und war dann wieder Feldspieler. Erst mit 14 Jahren wurde ich endgültig Torhüter.
Und war es dann sofort für Sie möglich, als Profi zu spielen, oder haben Sie nebenbei noch etwas anderes gearbeitet?
Nein, nein, ich habe mit 17 die Schule abgeschlossen und konnte im Anschluss daran sofort den ersten Profi-Vertrag mit Ventspils unterschreiben.
Danach waren Sie zwei Jahre in Moskau bei Torpedo und dem FC Moskau. Wie war diese Zeit für Sie?
Schlechte Erfahrung ist auch eine Erfahrung. Ich habe aus dieser Zeit gelernt. Vielleicht gibt es Leute, die sagen, ich sei zu früh dorthin gegangen, aber ich bin überzeugt, dass es nicht zu früh war. Ich habe in Moskau einiges gelernt. Ich bin dann nach Lettland zurückgekommen und wir sind dreimal Meister geworden. Und nun bin ich hier in der Schweiz.
Welche Rolle hat das WM-Qualifikationsspiel mit Lettland gegen die Schweiz in St.Gallen dabei gespielt, dass Sion auf Sie aufmerksam geworden ist?
Präsident Constantin hat mir gesagt, dass er das Spiel in St.Gallen gesehen und meine Leistung ihm gefallen hat.
Was ist der Unterschied für einen Torhüter in der Lettischen, Russischen oder in der Schweizer Liga zu spielen, zum Beispiel bezüglich dem Tempo des Spiels?
Der Unterschied ist sehr gross, im Vergleich mit Lettland riesig. Hier kommen tausende von Zuschauern zu den Spielen, zwischen 10'000 - 15'. In Lettland kommen vielleicht mal 1'000 Zuschauer zu einem Derby. Und natürlich ist der Niveau-Unterschied sehr, sehr gross. In Lettland gibt es auch Amateurmannschaften. Die Spieler arbeiten nebenher noch in einem anderen Job und spielen gleichzeitig Fussball. Das gibt es hier in der Schweiz (in der obersten Liga) nicht.
Sie haben einen Dreijahresvertrag. Welche Ziele haben Sie mit dem FC Sion? Was ist möglich mit diesem Team?
Nun, natürlich gewinnen. Alles was möglich ist! (lacht)
Sie sind schon einige Monate hier und haben alles etwas kennengelernt. Ist es für Sion wirklich möglich, alles zu gewinnen?
Ja, sicher. Wir werden uns als Team verbessern. Nichts ist unmöglich. Wir werden es versuchen. In jedem Spiel wollen wir drei Punkte holen.
In dieser Saison läuft es aber so, dass Sion manchmal gut und manchmal schlecht spielt. Es herrscht Unkonstanz. Woher kommt das?
Das ist nun Vergangenheit. Wir haben schlecht gespielt, wir haben gut gespielt. Wir haben Tore in den letzten Sekunden und Minuten erhalten. Wir haben daraus unsere Schlüsse gezogen und haben im Training daran gearbeitet. Ich bin davon überzeugt, dass es im weiteren Verlauf der Saison gut werden wird.
Wie handhaben Sie es mit der Kommunikation? Sie sprechen Lettisch und Russisch, es gibt Spieler die Französisch sprechen, andere Spanisch. Wie kommunizieren Sie auf dem Feld mit Ihren Verteidigern?
Auf dem Feld spreche ich Französisch. Ich habe verschiedene französische Sätze gelernt, die man im Spiel braucht. Die Verteidiger verstehen mich.
Was sind Ihre persönlichen Ziele für die Zukunft. Wollen Sie nach Ihrer Zeit in Sion noch woanders spielen? Gibt es eine Liga, die Ihnen besonders gefällt?
Die Zukunft kann ich nicht voraussehen. Aktuell ist meine Zukunft mit Sion verbunden und ich will Sion noch viel Nutzen bringen.
Welches sind Ihre Stärken und welches Ihre schwächeren Seiten als Torhüter?
Da fragen Sie besser unseren Torhütertrainer Marco Pascolo.
Ich würde sagen, Sie haben eine gute Reaktionsschnelligkeit, müssen aber noch etwas am Herauslaufen und an der Angriffsauslösung arbeiten.
Ja, da haben Sie Recht. (schmunzelt)
Und welche Ziele haben Sie mit der Lettischen Nationalmannschaft?
Die WM-Kampagne ist nun beendet. Als Team haben wir Erfahrung gesammelt. Wir hatten eine ziemlich junge Mannschaft. Ich bin der Meinung, dass wir uns nun die Qualifikation zur Europameisterschaft 2012 als reelles Ziel setzen können.
Von Lukas Stocker
Kein Sieger im ''Gefrierschrank'' Luzern