Justine Henin war immer eine jener Spielerinnen, denen man nach verlorenen Matches und der folgenden Pressekonferenz gerne eine Decke über die Schultern gelegt und sie umarmt hätte. Introvertiertheit und Schutzbedürftigkeit sind die ersten beiden Attribute, die beim Namen Justine Henin in einem aufsteigen. Als sie im Mai 2008, notabene als Weltranglistenerste, ihren freiwilligen Rücktritt vom Wettkampftennis erklärte, blieben bei all jenen Tennisinterressierten und Journalisten – für die der Tenniscourt nicht bei der Seiten- und Grundlinie endet – gemischte Gefühle zurück.
Ein konsequenter Bruch
Einerseits war allen bewusst, dass die WTA-Tour eines ihrer verlässlichsten Aushängeschilder verlieren würde, andererseits wirkte Henins Rücktritt wie eine Lossagung von der Knechtschaft des Tennissports. «Ich habe nun 20 Jahre Tennis gespielt und freue mich auf ein Leben als ganz normale Frau», hatte Henin damals, im Mai 2008, ihren Rücktritt begründet. Tatsächlich verabschiedete sich Justine Henin in der Folge – im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen – strikte vom Tennis. Sie flog nach Griechenland, nahm sich die Zeit, sich all jene Fragen zu stellen und zu beantworten, die in ihrer 10-jährigen Profikarriere unbeantwortet geblieben waren. Dass viele rein sportfixierte Menschen ihren allzu frühen Rücktritt gedanklich nicht nachvollziehen konnten, war der charakterstarken Belgierin in jener Phase komplett einerlei. Stattdessen beharrte sie darauf, endlich ganz sich selber gehören zu wollen.
Eine Zeit der Selbstfindung
Als die «Neue Zürcher Zeitung» im Juni 2009 ein Interview des Journalisten Christof Gertsch mit Justine Henin abdruckte, war dies nichts weniger als das Porträt einer jungen Frau, die auf dem Weg war, eine neue Bestimmung zu finden. «Wenn ich sage, dass ich zurücktrete, trete ich zurück. Es ist ermüdend, immer wieder auf ein mögliches Comeback angesprochen zu werden», liess sich Henin zitieren. Nichts, aber auch gar nichts wies zu jenem Zeitpunkt auf das aktuelle Comeback hin. Im Gegenteil: Die Belgierin stand unmittelbar vor ihrer Schauspielpremiere in einem Theaterstück und hatte im belgischen Fernsehen einige Shows comoderiert. Parallel dazu hatte sie ihre im November 2007 in Belgien gegründete Tennis-Academy «The 6th Sense Tennis Academy» nach Orlando, Florida, transferiert. Auch ihr Engagement für ihre eigene Krebsstiftung (ihre Mutter Françoise war 1995 an Krebs gestorben) hatte sie intensiviert. Auch ihr Dauerbekenntnis, nicht einmal mehr die Resultate der WTA- und ATP-Tour zu verfolgen, liess die Dauerspekulationen über eine mögliche Rückkehr der Dauerregentin nie ganz abklingen. «Jeder intelligente Mensch müsste verstehen können, dass man genug haben kann vom Leben als Tennisprofi », wehrte sich Henin gegen die ständigen Spekulationen um ihre Zukunft. Auch der Umstand, dass sich Henin im Herbst 2008 zwei Operationen unterziehen musste (Verschleisserscheinungen) werteten primär die belgischen Tennismedien als Indiz dafür, dass sich «ihre Justine» die Möglichkeit für ein neuerliches Comeback offen halte. Sie sollten Recht behalten, auch wenn Justine noch im Sommer 2009 beharrlich behauptete, dass sie sich ihrerseits das Recht eingeräumt hatte, ihre Träume zu revidieren: «Ein Leben als Nummer 1 ist immer auch ein Leben für die anderen.»
Überraschendes Comeback
Auch als sich die Gerüchte nach Kim Clijsters fulminantem US-Open-Sieg über ein mögliches Comeback von Justine Henin verdichteten, gab es wenig Indizien dafür, dass die frühere Weltranglistenerste (über 100 Wochen lang) tatsächlich eine philosophische 180-Grad-Kehrtwende machen würde. Henin machte sie. Bereits im Spätherbst 2009 lud die mittlerweile 27-Jährige zu einer Pressekonferenz, in der sie ihr Comeback mit jener Geradlinigkeit ankündigte, wie sie ihre Rückhand-Longline- Bälle ins Feld feuerte. Erneut fand sich mit Carlos Rodriguez ihr väterlicher Langzeitcoach an ihrer Seite, der nach dem Tod von Justines Mutter Françoise erste Vertrauensperson und unerbittlicher Coach in Personalunion geworden war. «Ich spüre das Feuer wieder», sagte Henin so introvertiert ins Publikum, wie sie dies ihre ganze Karriere lang getan hatte. Und liess gar nicht erst Zweifel aufkommen, dass ein mögliches Comeback nur das momentane Empfinden einer sinnsuchenden jungen Frau sein könnte.
«Wenn ich zurückkomme, dann nicht nur für ein Jahr, sondern für drei, vier Jahre», verkündete sie selbstsicher. Wie ihr ganzes Tennisleben ist Henins Rückkehr an klare Zielvorgaben gekoppelt. Der längst überfällige Sieg in Wimbledon sei das eine grosse Ziel, dass sie angetrieben habe, der Gewinn des Olympiatitels 2012 in London (es wäre der zweite nach 2004 in Athen) der zweite grosse Ansporn. Wer Henin über Jahre hinweg beobachten konnte, weiss, dass sie die Rückkehr auf den Tennisthron nur aus Pietätsgründen gegenüber ihren Mitstreiterinnen nicht zum Primärziel erklärte.
Schwächelnde WTA-Tour
Bereits Kim Clijsters Grand-Slam-Erfolg in New York und nun Justine Henins Finaleinzug an den Australian Open sind bei aller Schönheit der Geschichte an sich auch immer ein Indiaktor für das aktuell kränkelnde Niveau auf der WTA-Tour. «Ich wusste nicht, wo ich vor dem Turnier stand, und war überrascht, mich im Final wiederzufinden, da ich sicher noch nicht topfit bin und nicht mein bestes Tennis spiele», versuchte Henin das aktuelle Rendement auf der Tour einzuordnen. Dass Henin bei ihrer Rückkehr wie eine Königin gefeiert wurde, belegt zudem den Mangel an Lichtgestalten auf der Frauentour. Denn während ihrer ersten Karriere bis im Mai 2008 war Henin vieles, nie aber ein glanzvoller Star, wie es etwa Maria Sharapowa war. Mehr als sie selbst wurde ihre Tenniskunst gefeiert. Oft stand das Publikum bei ihren sieben Grand-Slam- Siegen in der Ecke der Herausforderin – denn Justine Henin war bei allem Respekt für ihre unglaublichen sportlichen Leistungen immer einen Tick zu kalt, zu introvertiert, zu entrückt für ihr zu bezirzendes Publikum.
Wimbledon und harte Arbeit
Justine Henin scheint Gefallen an der neuen Rezeption ihrer Person zu finden. Und versichert, auch zu sich und dem Tennissport etwas mehr Abstand gefunden zu haben: «Ich bin etwas grosszügiger mit mir selbst. Das ist natürlich eine heikle Gratwanderung, fokussiert zu sein und doch jene Entspanntheit zu finden, sein eigenes Tun nicht zu ernst zu nehmen.» Bei allen frommen Worten lässt bereits die Pressekonferenz nach ihrer Finalniederlage erahnen, dass Henin das tun wird, was sie immer tat: sich vollkommen dem Tennis hinzugeben. «Ich fahre jetzt zurück nach Hause und werde dort hart an mir arbeiten müssen. Physisch bin ich noch nicht auf jenem Niveau, wie ich mir das vorstelle», erklärte Justine Henin ihre gemischten Gefühle nach der Finalniederlage gegen Serena Williams. Bereits beim Turnier in Indian Wells will die Belgierin auf die Tour zurückkehren und dort beweisen, dass sie deutlich besser spielen könne. Für 2010 indes wartet vor allem ein grosses Ziel auf sie: Wimbledon. «Es ist das einzige Grand-Slam-Turnier, das ich nicht gewinnen konnte, natürlich war das mit einer der Beweggründe, noch einmal zurückzukehren», gesteht die 27-jährige Wallonin. Bleibt zu hoffen, dass sich die ehrgeizige Kämpferin nach dem Feuerfangen nicht an ihrem inneren Feuer verbrennt.
Von Michael Hasler

Sbornaja auf Titelkurs - Kanada out