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EISHOCKEY NHL
Bettman zieht sein Ding durch!
Pyrrhus-Siege von Montreal, Chicago und vielleicht Washington
10.05.2017, 07:45
Von sport.ch
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Derzeit gross in Mode bei den NHL-Profis: Das NHL- und Playoff-Format Bashing. Einerseits ist man sauer darauf, dass die Verhandlungen mit der IIHF bezüglich der Teilnahme der NHL-Stars bei den Olympischen Spielen erfolglos blieben. Aber auch das aktuelle Playoff-Format sorgt bei vielen für Missstimmung.

Montreal und Chicago hat es bereits getroffen: Sie sind trotz Divisionstitel in der ersten Runde auf Gegner gestossen, die sie nach dem traditionellen Playoffmuster (bis 2012) nicht zugeteilt bekommen hätten. Auch die Washington Capitals- immerhin der grosse Stanleycup-Favorit, eines der absoluten Spitzenteams der Liga und auch für die Playoffs sehr gut aufgestellt, waren und sind noch immer sauer. Denn, man trifft bereits in der zweiten Runde ausgerechnet auf die Pittsburgh Penguins. Dem ewigen Rivalen der letzten Jahre in den Playoffs, der die „Caps“ in der Regel aus dem Wettbewerb kegelt. Montreal (gegen die New York Rangers), Chicago (gegen die Nashville Predators) und vielleicht sogar auch Washington (gegen die Pittsburgh Penguins) haben sich in der regulären Saison durch ihre Divisionssiege einen „Pyrrhus-Sieg“ eingehandelt. Ein Pyrrhussieg ist ein zu teuer erkaufter Erfolg. Im ursprünglichen Sinne geht der Sieger – oder vermeintlich Bevorteilte - ähnlich geschwächt hervor wie ein Besiegter und kann auf dem Sieg nicht aufbauen. Die grossen Profiteure sind bisher die Ottawa Senators, die „dank“ der Niederlagen gegen die Montreal Canadiens in der Schlussphase der Qualifikation in der Atlantic Division „nur“ Zweiter wurden und so statt gegen die Rangers aus New York auf die weniger hoch dotierten Boston Bruins trafen und nun sie statt die „Habs“ in Runde zwei stehen.

Die neue, seit zwei Jahren applizierte Playoff-Formel macht diese paradoxe Situation möglich.

Die Spieler der „Caps“ sparten nicht mit harter Kritik: „Unlogisch“ sei diese seit 2013 eingeführte Formel, bei welcher man als einer der drei Direktqualifizierten innerhalb der Division bei einem Rang 2 oder 3 zuerst gegen seinen direkten Tabellennachbarn spielen müsse. Bei der früheren Formel war der Fall klar: Nicht die Divisionsplätze und die so genannten zwei „Wild Card“ Plätze, sondern die Anzahl Punkte innerhalb der Conferences waren ausschlaggebend. Platz Eins spielte gegen Platz Acht, Zwei gegen Sieben und so weiter.

Hauptsache in den Top 3 der Division

Nun jedoch könnte rein theoretisch ein Club, der interdivisionär Dritter wird, aber gleichzeitig weniger Punkte aufweist als ein Viert- oder gar Fünftplatzierter einer anderen Division der gleichen Conference an den Playoffs teilnehmen. Bereits Wochen vor Playoffstart kursierte in Montreal und Ottawa der blasphemische Gedanke, nicht einem so genannten Phyrrus-Sieg zu erliegen und eher die Division nicht gewinnen zu wollen, um dann eher gegen Boston oder Toronto statt gegen die Rangers in der ersten Playoffrunde spielen zu können. Montreal Coach Claude Julien sagte aber damals: „Daran denken wir nicht. Als Spieler oder Trainer willst du gewinnen und als Erster abschliessen.“ Ausserdem ist folgender Fall eingetroffen: In der in dieser Saison sehr starken Metropolitan Division trafen zwei Stanleycup-Aspiranten aus der Division aufeinander.

Es hagelt nicht nur Kritik...

„Der dümmste Einfall der NHL aller Zeiten“, sagte dazu Daniel Winnik von den Washington Capitals und eröffnete vor Playoffstart damit ein generelles Playoff-Format-Bashing. Justin Schultz von den Pittsburgh Penguins doppelte nach: „Ich mag dieses Format nicht wirklich. Es ist sportlich nicht fair. Aber wir müssen damit leben.“ Es gab jedoch auch andere Stimmen, wie beispielsweise jene von Bruce Orpik, Oli Maata oder T.J. Oshie. Sie alle machen sich keine Gedanken zum Playoff-Format. Man müsse „eh während den gesamten Playoffs die Bestleistung abrufen“ und wenn man den Pokal am Schluss in den Händen halten möchte, müsse man „so oder so bereit sein, auch den stärksten Gegner früher oder später aus dem Wettbewerb zu bugsieren“. Schliesslich hätten die L.A. Kings auf dem Weg zu ihren Stanleycup-Siegen jeweils auch bereits in der ersten und zweiten Runde die Topteams ausgeschaltet. Dennoch: Die meisten Spieler, General Manager und Medienleute sowie auch Analysten und Ehemalige sind diesbezüglich fast einer Meinung. Man würde gerne ins alte Playoffsystem zurück.

Marke NHL stärken: Bettman zieht sein Ding durch!

Warum also hat die NHL dieses neue Format installiert? In erster Linie geht es der Liga um den Wettbewerbscharakter unter den Clubs. Man habe, so eine der Begründungen, aufgrund der neuen Ausgeglichenheit („Parität“) die Rivalitäten innerhalb der Divisionen wieder aktivieren wollen, was auch mit dem Spielplan in der Qualifikationsphase unterstützt werde. NHL Commissioner Gary Bettman: „Wir wollen eine bessere Balance innerhalb der Divisionen erzeugen. Die Rivalitäten sind wieder intensiver.“ Und der gewiefte Geschäftsmann und Taktiker Bettman hat noch ein Ziel: Durch eine Reaktivierung und Förderung von Rivalitäten kommen noch mehr Emotionen ins Spiel. Und Emotionen lassen sich sehr gut im TV und in den Medien generell vermarkten. Mittelfristig gesehen, sollen diese Rivalitäten das Produkt NHL zur Zielgruppen-Optimierung und -Neugewinnung dienen und sich für für das geostrategische Marketing nützlich erweisen.

Die Kritiker und Pessimisten jedoch sagen, dass die NHL auch bezüglich der Aufteilung der Clubs wieder eine Wettbewerbsverzerrung erzeugte. Detroit wechselte 2013 zur Eastern Conference womit dort 16 Teams um acht Plätze kämpfen während im Westen nur deren sechs von 14 nach der Qualifikationsphase ausscheiden würden. Mit dem NHL-Eintritt der Las Vegas Golden Knights entsteht hier wieder ein etwas besserer Wettbewerbsausgleich.

Joel. Ch. Wüthrich**

** Joël Ch. Wüthrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der Fachpubikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser Publikationen und Produktionen, unter anderem auch der Fachpublikationen Slapshot (2003-2006) und Top Hockey (1999-2003, 2006-2012). Joël Wüthrich leitet ein crossmedial aufgestelltes PR-Büro und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der 50-jährige Familienvater arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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