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EISHOCKEY NHL
NHL-Experte Thomas Roost äussert sich
Wieso es Mark Streit und Co. in die NHL geschafft haben
08.07.2017, 11:55
Von sport.ch
DEIN KOMMENTAR
 

Die NHL ist für manch ein Eishockeyspieler wohl der grösste Traum. Die einen wollen es offensichtlich, schaffen es aber nicht, und dann gibt es diese, die spielerisch sowie körperlich zwar hinten anstehen müssen, es aber mit ihrem Gesamtpaket bringen. Unser Experte, Thomas Roost, erklärt, weshalb es Mark Streit und Co. geschafft haben und worauf es eben auch sonst noch ankommt.

Wieso Mark Streit?

Während der Sommerpause und im Urlaub ist die Wahrscheinlichkeit am grössten, dass selbst extreme Büchermuffel mal wieder einige Seiten in einem “richtigen” Buch blättern, um nicht zu sagen, zu lesen... Pause für die trendige Zunft der „Alles schreibt, niemand liest Generation“… Sportliebhaber tendieren dazu, Biographien von Ausnahmeathleten wie Tiger Woods, Wayne Gretzky, Pelé oder Roger Federer zu lesen oder Möchtegern-Coaches verinnerlichen die Tipps von Ottmar Hitzfeld und Ralph Krüger. Aber viele dieser Leser versuchen vergeblich, die „Erfolgsrezepte“ dieser Top-Athleten und Taktik-/Motivationsheilbringer zu kopieren und erhoffen sich insgeheim eine ähnliche Karriere.

Überschüssiges Talent ist nicht wegweisend

Dabei geht vergessen, dass all diese Tipps und vermeintlich richtigen Entscheidungen in deren Laufbahn extrem kontextabhängig waren und sich in einer anderen Zeit und in einem anderen Zusammenhang vermutlich eh nicht bewähren. Hinzu kommt, dass für beinahe alle die solche Biographien oder Erfolgsanleitungen lesen, die Wahl der Gretzky- oder Crosby-Biographie „falsch“ ist, denn diese mit überschüssigem Talent gesegneten Spieler sind nicht die wegweisenden Vorbilder für die grosse Menge von Hockeytalenten die zwar gut genug für eine Profi- aber eventuell nicht gut genug für eine NHL-Karriere sind.

Spieler wie Mark Streit, Yannick Weber, John Scott, Dominic Moore, Johnny Gaudreau, Brett Hull oder Adam Oates, um nur einige Beispiele zu nennen: Die Bücher derer sind oder wären für die breite Masse sehr viel interessanter sofern sie denn welche geschrieben haben oder schreiben werden. Wieso haben es ausgerechnet sie geschafft, obwohl es ein Heer von talentierteren jungen Hockeyspielern gab? Was ist deren Baum der Erkenntnis?

NHL-Spieler zu werden ist beinahe unmöglich

Ich schreibe kein Buch sondern nur eine Kolumne zu diesem Thema. Trotzdem erlaube ich mir, in einer sehr vereinfachten Form und stark zusammenfassend, Thesen aufgrund von Gesprächen mit nur mittelmässig talentierten Profispielern einfliessen zu lassen: Zuerst müssen wir uns die Frage stellen wie schwierig es ist, ein NHL-Spieler zu werden? Statistisch gesehen ist es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Auch für durchaus talentierte Spieler ist es extrem unwahrscheinlich, irgendwann mal im Verlaufe der Karriere einen NHL-Vertrag unterzeichnen zu können. Dies ist die ernüchternde Wahrheit und nur die Wahrheit ist würdevoll. Aber….und ich bestehe auf einem grossen ABER: Es gibt Spieler die sind in der NHL, d.h. völlig unmöglich ist es nicht!

Wenn ich diesen gut aber nicht hoch talentierten Spielern auch zwischen den Zeilen zuhöre dann stelle ich fest, dass diese so ungefähr im Alter von 16 Jahren in irgendwelchen Regionalauswahlen aufgetaucht sind, dort aber keine Stars waren, es gab in diesen Regionalauswahlen bessere Spieler. Trotzdem bekamen sie später Aufgebote in die nationale Juniorenauswahl. Auch dort gab es weit talentiertere Spieler, aber am Ende schaffte es keiner von denen in die NHL. Irgendwann folgte die Ernennung ins erweiterte Kader einer Profimannschaft und wieder mussten sie feststellen, dass sie weder zu den Leistungsträgern noch zu denjenigen Spielern gehörten mit dem – geschätzt - grössten Entwicklungspotenzial. Aber auch hier die Erkenntnis: Keiner dieser Leistungsträger, keiner dieser Jungs mit bestem Entwicklungspotenzial hat es je in die NHL geschafft, es waren andere.

Gutes Talent, gepaart mit Freude und Leidenschaft

Betreffend NHL wurden diese Spieler entweder in einer späten Runde des NHL-Entrydrafts gezogen oder als ungedraftete Talente in ein Rookie-Camp eingeladen… und wiederum mussten sie feststellen, dass es da bessere Stickhandler, gefährlichere Torschützen und kräftigere „Bodies“ gibt als sie – die relativen Aussenseiter – es zu bieten haben. Aber noch einmal: Nicht die kräftigen „Bodies“ oder die magischen Stickhandler haben es später in die NHL geschafft, sondern die Mark Streits, Yannick Webers, John Scotts und einige andere mit nur relativ gutem Talent. Mit gutem Talent, gepaart mit Freude und Leidenschaft kommt man irgendwann in der Erfolgspyramide - in weitgehend egal welcher Disziplin - auf einen guten Level, aber auch dieser Level bedeutet noch lange nicht den Olymp, um beim Eishockey zu bleiben, den Hockey-Olymp, die NHL.

Es gibt viele andere in derselben NHL-Franchise die grundsätzlich genau so gut sind oder sogar noch besser. Gut bedeutet somit lediglich, dass man am „Spiel“ teilnehmen darf, aber ob man das „Spiel“ gewinnt – den Sprung in die NHL schafft – ist noch immer eher unwahrscheinlich. Wieso schafften es Mark Streit, Yannick Weber und Dominic Moore in die NHL und nicht die anderen?

Mehr bieten als 'nur gut' sein

Kommen wir nun zu den entscheidenden Punkten: Wenn in einer Gruppe von jungen Prospects im NHL-Development- Camp alle irgendwie gut sind fragen sich die Selektionäre „was hast Du sonst noch zu bieten?“ Die Selektionäre erforschen diesbezüglich sehr ähnliche Dinge die unsere Eltern, unsere Vorgesetzten, Chefs, Lehrer, Coaches von uns wissen wollten und wollen: Bin ich gewissenhaft, zuverlässig, respektvoll, vertrauenswürdig, beliebt, teamfähig etc.? Es geht auf diesem Niveau nicht mehr so sehr darum, ein wenig besser stickhandeln oder beschleunigen zu können, auf diesem Niveau können dies alle ähnlich gut. Ab diesem Punkt geht es darum, mehr Empathie zu haben, härter zu arbeiten, sich teamorientierter zu verhalten, sich mit positiven, unterstützenden Aktionen in den Vordergrund zu drängen, sich charakterlich als gefestigter und konstruktiver, frustrationstoleranter, gelassener, fokussierter, lernbereiter und lernfähiger, ja vielleicht sogar als humorvoller zu zeigen als andere.

Die Selektionäre wollen wissen ob man mehr zu bieten hat als „nur“ gut zu sein im Hockey. Diese Erkenntnisse - die nicht nur im Hockey zu finden sind sondern in vielen anderen Disziplinen des Lebens auch - führen auf die Spur, wieso es dieser oder jener geschafft hat, obwohl andere mindestens so gut waren oder sogar noch besser. Ist denn das die Wahrheit was ich Ihnen hier präsentiere? Nein, natürlich nicht, die reine Wahrheit kenne auch ich nicht, aber es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Übung macht den Meister 

Ohne konkrete Tipps für Leserinnen und Leser die das Ziel haben, in ihrer Disziplin so gut wie nur möglich zu werden, gehe ich „nicht vom Eis“; ich bleibe aber diesbezüglich bei einem Hockeybeispiel: Lest nicht die Biographie von Wayne Gretzky oder Sidney Crosby aber schaut Crosby in Wettkampfsituationen zu: Wie verhält er sich in welcher Situation? Welche Entscheidungen trifft er in welchen Situationen? Welche schuss- und stocktechnischen Fertigkeiten zeigt er, die auch ich üben will? Ihr müsst die Allerbesten beobachten, von denen die besten Dinge „klauen“ und – ganz wichtig – beim Üben und Nacheifern sich nicht scheuen, sich zu blamieren. Du wirst bei 15, 150 oder 1500 Versuchen scheitern, den „Crosby XY-Move“ zu kopieren, aber irgendwann ist „Bingo“, irgendwann blamierst Du diejenigen die Dich bei den ersten erfolglosen Versuchen belächelt haben…

Zum Schluss schlage ich die Brücke zurück zum Anfang, zu den Büchern, zu der Zeit im Jahr – der Urlaubszeit – in denen Bücher am ehesten gelesen werden. Ich schliesse mit einem Tipp zur Erweiterung unseres Horizonts: Wir sollten vor allem Bücher von Menschen lesen, denen wir nicht zustimmen.

Ich wünsche allseits fröhliche Sommerferien!

von Thomas Roost

Thomas Roost ist seit 1996 NHL-Scout für den zur NHL gehörenden Central Scouting Service und seit 2010 Scout für den EHC Biel. Hauptberuflich ist er als CHRO und Mitglied der Konzernleitung in einer internationalen Touristikfirma mit weltweit 1500 Mitarbeitenden tätig. Thomas leistet sich eine eigene Meinung und freut sich immer sehr über Reaktionen zu seinen Beiträgen die zur Diskussion Anlass geben sollen. Er pflegt auch mit viel Spass seinen Twitter-Account @thomasroost.

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