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Mehr als eine Verzweiflungsaktion
Der sechste Feldspieler: Eine Idee, die sich zum Trend entwickeln könnte
15.07.2017, 09:55
Von sport.ch
DEIN KOMMENTAR
 

Die Off-Season ist immer auch Zeit der Besinnung, Zeit, um über neue Strategien nachzudenken, Zeit für  Analysen. Immer wieder hören und lesen wir, dass Details über Sieg und Niederlage entscheiden, die kleinen Dinge müssen richtig gemacht werden.

Ich meine, dass diese unspektakulären Statements inhaltlich in vielen Fällen richtig sind. Sie treffen den Nagel auf den Kopf. Auch aus diesem Grund will ich in der Folge ein klein wenig in die Glaskugel schauen; was könnte denn die neue Saison an neuen Details  in der Teamzusammensetzung und im Coaching bringen? Gibt es neue Erkenntnisse, Thesen, Tendenzen?

Der Stanley-Cup-Sieger gilt oft als Massstab für den Erfolg. Die Pittsburgh Penguins haben den Stanley-Cup mit einer tendenziell offensiven Spielanlage gewonnen, mit einem Kader gespickt mit sehr viel Offensiv-Skills und nur mittelmässig besetzter Verteidigung. Zudem waren die Pens eines der kleinsten und leichtesten Teams. Sind dies Trends für die Zukunft? Ich glaube nicht so ganz. Grösse, Gewicht und gute Verteidiger dürfen nicht unterschätzt werden, aber es zeigte sich, dass der Hype, die teilweise übersteigerte Interpretation der Teamzusammensetzung in Richtung defensive Zuverlässigkeit in Richtung Grösse, physische Kraft und Gewicht nicht gerechtfertigt ist. Eine gesunde Relativierung dieser These ist angezeigt.

Entwicklung in Richtung Skills

Viele Teams werden tendenziell eher wieder in Richtung Skills, Smartness und Skating rekrutieren und weniger auf die Facts & Figures wie Grösse und Gewicht achten. All dies ist durchaus auch im Sinne der Attraktivität des Eishockeys: einfaches, ehrliches Handwerk in allen Ehren, aber von den Sitzen gerissen werden wir durch magisch chaotischen Sternenstaub, verblüffende Tricks und künstlerische Kreativität.  

Dies ist aber nicht der Trend, den ich in dieser Kolumne beleuchten möchte. „Mein“ Trend ist zudem noch gar kein Trend, sondern vorläufig nur eine Empfehlung, die zu einem Trend auswachsen könnte. Ich kümmerte mich bei meinen Analysen um die Auswirkungen von 6-gegen-5-Spielsituationen, die in engen Spielen ganz am Schluss oft gesehen werden; der Torhüter wird durch einen zusätzlichen Skater ersetzt. Diesbezüglich gibt es bereits ziemlich verlässliche Resultate, die darauf hindeuten, dass zu diesem Mittel künftig häufiger und bereits zu einem früheren Zeitpunkt gegriffen werden wird. Auswertungen zeigen, dass bei 6 gegen 5 häufiger Tore erzielt werden als bei 5 gegen 5. Zudem gibt es bei 6 gegen 5 häufiger Strafen gegen das Team in Unterzahl und auch dies führt zu mehr Toren für das Team mit einem Feldspieler mehr, in diesem Fall sind es dann sogar zwei mehr.  

Einsätze mit nur einem Verteidiger?

Ich gehe jetzt aber noch weiter und unterstütze die These, dass bei einem Eintorerückstand im letzten Drittel – als Vorstufe zum "Goalie-gegen-Skater-Tausch" – die Variante mit 4 Stürmern und nur einem Verteidiger gespielt werden sollte. Diesbezüglich gibt es noch keine verlässlichen Daten, weil das gemessene „Sample Size“ noch zu gering ist, aber es gibt eine These, welche durch Indizien unterstützt wird. Die Indizien besagen exakt dasselbe wie beim sechsten Skater für den Goalie. Die Chance ist  grösser, ein Tor zu erzielen, und somit ist dieser „Schachzug“ bereits gerechtfertigt für Teams, die im letzten Drittel mit einem Tor in Rückstand liegen.  

Wieso wird zu diesen Mitteln nicht häufiger gegriffen? Vermutlich aufgrund eines gängigen Denkfehlers. Die Statistiken zeigen deutlich, dass nicht nur die Chance für ein Plustor grösser ist für dasjenige Team mit einem Skater anstelle eines Goalies und/oder mit einem Stürmer anstelle eines Verteidigers, sondern auch die Gefahr für einen Gegentreffer ist grösser, ja diese Gefahr ist sogar deutlich grösser als die Chance auf ein Plus-Goal. Wo liegt denn jetzt hier der Denkfehler? Wir vergessen mitunter zu schnell die  Auswirkungen eines Plus- oder Minusgoals in die Überlegungen miteinzubeziehen. Wenn unser Team  mit einem Tor im Rückstand liegt und ein weiteres Gegentor kassiert, dann hat dies keine Konsequenzen, das Resultat ist dasselbe wie wenn alles bis zum Schluss gleich bleiben würde: Null Punkte.

Chance auf Tore erhöht

Hingegen ist die Hebelwirkung eines Plustores sehr viel grösser, ein Plustor bei einem Eintorerückstand bedeutet mindestens einen Punkt. Wir neigen bei diesem Beispiel dazu, die Entscheidungen aufgrund des in der Mehrheit eintretenden Ergebnisses zu beurteilen und nicht aufgrund der potenziellen Auswirkungen auf das Ergebnis. Das Chancenpotenzial ist mit diesen „All-In-Strategien“ sehr viel höher als das Risikopotenzial und dies muss die höhere Eintretenswahrscheinlichkeit eines Gegentreffers bei der Entscheidungsfindung überstrahlen.  

Ich bin überzeugt, dass immer mehr Coaches diese Erkenntnisse in ihr so genanntes Benchcoaching miteinfliessen lassen werden. Das heisst, ich sage voraus, dass wir in der kommenden Saison bereits 3-5 Minuten vor Spielende Torhüter gegen Feldspieleraustausch registrieren werden und nicht erst in der letzten Minute. Ich sage ebenfalls voraus, dass immer mehr Coaches bei einem knappen Rückstand bereits ca. 10-15 Minuten vor Spielende jeweils vier Stürmer und „nur“ je einen Verteidiger aufs Eis schicken werden.

von Thomas Roost

Thomas Roost ist seit 1996 NHL-Scout für den zur NHL gehörenden Central Scouting Service und seit 2010 Scout für den EHC Biel. Hauptberuflich ist er als CHRO und Mitglied der Konzernleitung in einer internationalen Touristikfirma mit weltweit 1500 Mitarbeitenden tätig. Thomas leistet sich eine eigene Meinung und freut sich immer sehr über Reaktionen zu seinen Beiträgen die zur Diskussion Anlass geben sollen. Er pflegt auch mit viel Spass seinen Twitter-Account @thomasroost.

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