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FUSSBALL NATIONALMANNSCHAFT
Höhepunkt des Fussballsommers
Fussball-EM: Schweizerinnen nicht ohne Sorgenfalten
17.07.2017, 09:08
Von Lukas Stocker
DEIN KOMMENTAR
Lukas Stocker

Die Frauenfussball-EM in den Niederlanden läuft seit gestern abend und sorgt für Diskussionsstoff. Ist der Frauenfussball eine ''heile Welt''? Wer sind die Favoritinnen? Und wie stehen die Chancen der Schweiz?

Frauenfussball-EM in den Niederlanden – der Höhepunkt des Fussballsommers steht vor der Tür! Erstmals mit 16 Teams, und erstmals mit der Schweiz. Wie bei den grossen Männerturnieren ist in diesen Tagen aber erst mal wieder die Zeit, wo mit dem Sport wenig vertraute Beobachter die alten Klischees hervorkramen. Frauenfussball fehle das sportliche Niveau, sagen die einen – und beweisen damit, dass sie die diesjährigen Champions League-Halbfinalspiele zwischen Olympique Lyon und Wolfsburg mit Sicherheit verpasst haben. Frauenfussball sei „ehrlich, nahbar, fair, familiär“, meint auf der anderen Seite die „Schweiz am Wochenende“ – und stellt dabei im Bild ausgerechnet Ramona Bachmann Cristiano Ronaldo gegenüber. Bachmann, die in einem WM-Qualifikationsspiel gegen England mit der wohl ärgsten Schauspieleinlage der Geschichte Schweizer Fussballnationalmannschaften erfolgreich den Platzverweis der gegnerischen Torhüterin Rachel Brown erwirkt hatte.

Frauenfussball als ''heile Welt''?

Abgeschaut hatte sie sich dies bei ihrem grössten Vorbild, der fünffachen Weltfussballerin Marta - nicht nur eine begnadete Ballkünstlerin, sondern auch hinlänglich bekannt für Schwalben und viel Theatralik. „Mit Frauen gäbe es weniger Kriege“, weil sie sozialkompetenter seien, wird die Schweizer Nationaltrainerin Voss-Tecklenburg in der gleichen Zeitung zitiert - dies wenige Wochen nachdem eine ihrer engsten Arbeitskolleginnen, eine Schweizer Juniorennationaltrainerin, wegen einer groben Tätlichkeit gegen eine gegnerische Spielerin vom Platz gestellt wurde . Frauenfussball als „heile Welt“? Eine reichlich naive Illusion. 99% der Fussballerinnen könnten vom Fussball nicht leben, heisst es – „müssten“ Sport, Ausbildung, Arbeit miteinander in Einklang bringen und viele von ihnen erbrächten eine grosse Leistung. Das stimmt - ist aber bei 99% der männlichen Fussballer nicht anders.     

Beispiellose Serie Deutschlands

Soll man Frauenfussball und den Männerfussball überhaupt vergleichen? Kann man durchaus, aber man muss sich dabei bewusst sein, dass es DEN Frauenfussball genauso wenig gibt, wie DEN Männerfussball. Jeder Wettbewerb, jede Mannschaft, jede Spielerin hat einen eigenen Charakter. Ob Nationalliga A, Bundesliga, Division 1, Women’s Champions League, EM oder WM – alle Turniere und Ligen entwickeln ihre interessanten Eigenheiten. Von den elf bisherigen Europameisterschaften hat Deutschland acht gewonnen – davon die letzten sechs in Folge! 1993 hat mit Norwegen zum letzten Mal ein anderes Team den EM-Titel feiern können – die heutige Schweizer Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg schoss in der Qualifikation zwei Tore, als Deutschland das bisher einzige Mal an einem europäischen Finalturnier dabei war, ohne es zu gewinnen. Reisst die seither beispiellose Serie in den Niederlanden?

Marozsan verwirrt Gegnerinnen und Journalisten

Die Konkurrentinnen machen sich Hoffnungen, weil Deutschland im Umbruch ist - sowohl was die Mannschaft betrifft, als auch in Bezug auf die neue Trainerin Steffi Jones. Aber dieses sich im Umbruch befindliche Deutschland wurde vor Jahresfrist trotzdem und durchaus etwas überraschend Olympiasieger in Rio. Dies vor allem auch dank einem grossen Trumpf: Dzsenifer Marozsan. Die 25-jährige Mittelfeldspielerin ist eine herausragende Figur auf dem Platz, ein Maradona des Frauenfussballs - für die Gegnerinnen genauso undurchschaubar, wie die Buchstabenfolge ihres ungarischstämmigen Namens für die Journalisten. Deutschland – eine Turniermannschaft? Ja, auf jeden Fall – bei den Frauen sogar noch mehr als bei den Männern!

Frankreich und Spanien: in Schönheit sterben...

Das pure Gegenstück dazu ist Frankreich. Renard, Henry, Le Sommer,... für viele ist die „Grande Nation“ das individuell am besten besetzte europäische Team – und dies schon seit Jahren. Bei den Klubs ist Olympique Lyon Rekordsieger der Champions League, an den grossen Turnieren fügen die „Bleus“ der Redewendung „in Schönheit sterben“ aber bisher jedes Mal eine neue Facette hinzu. Das grosse Manko ist jeweils die Effizienz vor dem gegnerischen Tor. Die Kunst, trotz grosser Dominanz ein Spiel nicht zu gewinnen, beherrscht die „Equipe Tricolore“ beinahe in Vollendung. Ähnlich verhält es sich mit den Spanierinnen. Sie sind die Newcomerinnen in der europäischen Spitze, vertreten wie ihre Männer-Equipen ebenfalls den typischen Ballbesitzfussball, und standen in den letzten fünf Jahren in fast jedem der jährlich stattfindenden U17- oder U19-Finals, konnten einen solchen in dieser Zeitperiode aber nur einmal gewinnen – 2015 auf U17-Stufe gegen die Schweiz.

Sorgenfalten im Schweizer Lager

In diesem Final stand unter anderem auch die heute 18-jährige Innerschweizer Stürmerin Géraldine Reuteler, die in Holland bereits erstmals im A-Nationalteam an einem grossen Turnier teilnehmen darf. Sie gehört im Vergleich zur WM vor zwei Jahren zu den wenigen neuen Gesichtern im Schweizer Team. Martina Voss-Tecklenburg setzt auf den zusammengewachsenen Stamm, der zuletzt die Qualifikation zum Turnier vor allem resultatmässig souverän geschafft hat. Sie baut damit auf ähnliche Erfolgsprinzipien wie Kollege Vladimir Petkovic, der im Zweifelsfall Kontinuität und Zusammenhalt im Mannschaftsgefüge höher gewichtet, als Formstand. Denn die Saison 16/17 verlief nicht optimal für die Rot-Weissen. Nicht nur gab es abgesehen vom Gewinn des Zypern Cup vier Niederlagen in fünf Testspielen, sondern vor allem waren mehrere wichtige Spielerinnen ausser Form, kämpften mit Verletzungen oder verloren den Stammplatz in ihrem Klub.

Unter dem Strich hat die Schweiz aktuell mit Lara Dickenmann und Lia Wälti nur zwei Spielerinnen von Internationaler Klasse – und sie hat ein Qualitätsproblem in der Innenverteidigung, wo die grossgewachsenen Abbé und Kiwic zu fehleranfällig und zu wenig handlungsschnell sind. Es ist die gleiche Problemzone wie bei der Männer-Nati. Kurz vor der EM noch auf das junge Duo Brunner/Stierli umzusatteln wäre wohl zu riskant gewesen, aber für nach dem Turnier muss dies ein Thema sein. Auch im Tor ist die Schweiz im Vergleich mit den anderen EM-Teilnehmern eher unterdurchschnittlich besetzt.

Skandinavische Sturmflut und Portugiesinnen als ''Isländer''

Trotzdem ist die Schweiz nominell ein Viertelfinalist und dies ist ein realistisches Ziel, auch wenn die Österreicherinnen auf keinen Fall zu unterschätzen sind und zuletzt in einem Test Dänemark 4:2 besiegt haben. Die Skandinavischen Teams haben zur Zeit weltweit mit die besten jungen Stürmerinnen am Start - mit Pernille Harder (Dänemark), Stina Blackstenius (Schweden), sowie Ada Hergerberg und Caroline Hansen (Norwegen). Bei den Schwedinnen sitzt zudem mit Pia Sundhage der Trainerfuchs schlechthin auf der Bank, der aus dem ''Tre Kronor''-Team an den Olympischen Spielen (Silber) inklusive eines sensationellen Sieges gegen die USA im Viertelfinal das Maximum herausholen konnte. Sundhage war an der allerersten EM 1984 Torschützenkönigin gewesen.

Gastgeber Niederlande ist nicht zu unterschätzen und England (Weltnummer 4) gehört mittlerweile zu den Topfavoriten. Die Fussballfans werden an der EM sehen, dass sich im Frauenfussball die Qualität an der Weltspitze Jahr für Jahr weiter steigert. Sie werden aber auch klare Qualitätsunterschiede zwischen den Teams feststellen. Diese sind grösser, als bei den Männern - Sensationen à la Island weniger wahrscheinlich – wobei an der Frauen-EM die Portugiesinnen als „Isländer“ einzustufen wären – nicht die Isländerinnen… 

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