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FUSSBALL 1. BUNDESLIGA
Fankrawalle, Philosophien und Boykott
Dortmund und Leipzig - die ungewollten Rivalen
12.10.2017, 21:35
Von SPORTAL
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Am Samstag spielt Borussia Dortmund in der Bundesliga zum dritten Mal gegen RB Leipzig. Die beiden Vereine pflegen eine ideologische und sportliche Rivalität. Sie handelt von Schals, geschmacklosen Plakaten und Büchlein.

Es fängt ja schon bei vermeintlichen Kleinigkeiten an. Im vergangenen August, die Fans von RB Leipzig gierten gerade nach der ersten Bundesliga-Saison ihres Lieblingsvereins (womöglich erlebten sie aber auch schon eine oder mehrere mit den jeweiligen Vereinen, die sie vor 2009 unterstützten) und die Dortmunder gingen halt in ihre 41. Saison als Bundesligist hintereinander, da hatten die Leipziger Verantwortungsträger eine Idee: Ein Fanschal für das anstehende Spiel gegen Dortmund, für Fans beider Vereine. Links das Logo von RBL, rechts das des BVB.

"Der BVB hatte an einem solchen Schal kein Interesse und hat somit auch nicht die Genehmigung für die Produktion eines solchen Schals erteilt", richtete der BVB aus. Stattdessen liess Leipzig eben einen selbsternannten "Begegnungsschal" anfertigen. BVB-Logo war keines zu sehen, lediglich der Schriftzug "Dortmund" in weiss auf Rot.

Es war die erste Episode der gemeinsamen Bundesliga-Zugehörigkeit von Dortmund und Leipzig. Und es war eine weitere Episode, die deutlich machte, dass der BVB und seine Fans nichts mit Leipzig zu tun haben wollen.

Boykottierende Fans am Radio

Am 2. Spieltag war der BVB dann in Leipzig zu Gast, aber nicht so zahlreich wie gewohnt. Das Fan-Bündnis "Südtribüne Dortmund" rief zu einem Boykott auf, dem viele nachkamen. In einem Statement hiess es: "Das Konstrukt des Aufsteigers aus Leipzig steht gegen alles, was wir mit Fussball verbinden."

Die boykottierenden BVB-Fans verfolgten das Spiel dann wie ausgemacht in Dortmund am Radio und mussten in der 89. Minute mitanhören, wie Naby Keita das 1:0 für Leipzig erzielte. Diese Niederlage war ein Vorbote für den Verlauf der restlichen Saison, letztlich landete Leipzig vor Dortmund. Ein ideologischer Rivale wurde auch zu einem sportlichen.

Traditionell hat Dortmund mit dem FC Bayern München und dem FC Schalke 04 zwei historisch gewachsene Rivalen. Der bonzige Branchenführer und der nervende Nachbar. Und nun also auch noch der fremdsubventionierte Frischling. Ein Rivale, der aus Sicht von Dortmunds Vorstandsvorsitzendem Hans-Joachim Watzke eigentlich kaum eine Daseinsberechtigung hat: "Bei Rasenballsport, wie sie ja tatsächlich heissen, haben wir das erste Mal den Fall, dass da nichts, aber auch gar nichts historisch gewachsen ist." Als Leipzig im November kurzzeitig die Bundesliga anführte, sagte Watzke: "Wir brauchen diesen Tabellenführer nicht."

Mit allem Werfbarem beworfen

Die Stimmung wurde zunehmend aufgeheizt und ging im Februar beim Rückspiel in Dortmund in Flammen auf, als Dortmunder die angereisten Leipziger Fans tätlich attackierten. Sie wurden mit Pflastersteinen, Flaschen, Eiern, Farbbeuteln oder Leuchtspur-Munition beworfen. Während sachliche Kritik zu rechtfertigen ist, ist es diese völlig unangebrachte Gewalt-Eskalation in keinster Weise. "Ich habe in hasserfüllte Fratzen geschaut, die nichts anderes im Sinn hatten, als die Leipziger anzugreifen", sagte der polizeiliche Einsatzleiter Ed Freyhoff.

"Eine Rivalität gehört sicher dazu, aber wenn es in Gewalt übergeht, passt es nicht", sagte Leipzigs Dominik Kaiser. Die verbale Untermalung dieser Gewalt waren die im Stadion hochgehaltenen geschmacklosen Plakate. Alles in allem wurde Leipzig in Dortmund mit den massivsten Anfeindungen seit der Vereinsgründung konfrontiert. Der Dortmunder 1:0-Sieg geriet dadurch in den Hintergrund.

Über zehn Leipziger Fans mussten im Krankenhaus behandelt werden, 168 Strafverfahren wurden eingeleitet, elf Strafbefehle erlassen und der BVB zu einer Geldstrafe von 100.000 Euro sowie der Sperrung der Südtribüne für ein Spiel verurteilt. Die beiden Vereine veröffentlichten fünf Tage nach dem Spiel eine gemeinsame Presseerklärung, in der sich der BVB entschuldigte und erklärte, dass "keine sportliche und emotionale Rivalität" diese Vorfälle rechtfertige. Die Beziehungen zwischen den Klubs sollten sich versachlichen, hiess es. Und sie versachlichten sich tatsächlich.

Gehässige Kommentare blieben daraufhin weitestgehend aus, bis auf einen kleinen Exkurs von Leipzig-Sportdirektor Ralf Rangnick. "Vor der Partie in Dortmund sass ich in der Kabine und hatte mal Zeit, mir dieses Büchlein anzusehen", erzählte er etwa einen Monat später und meinte mit dem "Büchlein" das Stadionheft. "Das hat 120 Seiten. Und ich habe festgestellt, dass von den 120 Seiten 55 Seiten Werbung waren. Und dann habe ich noch festgestellt, als ich vorne drauf geschaut habe, dass sie dieses Büchlein für zwei Euro verkaufen." Rangnick wollte damit sagen: Überbordende Kommerzialisierung gibt es nicht nur in seinem Verein.

Doppelt so viele Einsatzkräfte, nicht einmal halb so viele Leipziger

Am Samstag hat Rangnick nun erneut die Möglichkeit, sich das Dortmunder Büchlein anzusehen. Leipzig ist zum zweiten Mal für ein Bundesligaspiel in Dortmund zu Gast und alle Beteiligten sind gewarnt. Die Sanktionen für die Vorkommnisse im Februar seien für die Dortmunder Ultra-Gruppierung The Unity "natürlich kein Grund, jetzt klein beizugeben", wie sie in einem Statement verlautbarten. Denn "alles, woraus unser Sport seine Faszination zieht, wird von RasenBallsport mit Füssen getreten". Die Ultras riefen zu einem Protestmarsch auf und verkündeten: "Alles für den BVB und alle gegen Red Bull - jetzt erst recht!"

Aus Angst vor Übergriffen auf die Mannschaft hat Leipzig eigens eine Sicherheitsfirma engagiert, die Dortmunder Polizei stellt derweil mehr als doppelt so viele Einsatzkräfte wie im Februar ab. Die Zahl der Leipziger Auswärtsfans wird dagegen nicht einmal halb so hoch sein wie damals, statt über 8000 werden lediglich knapp 3000 erwartet.

Für diejenigen Leipziger, die im Februar Anzeige erstatteten, wird es ein kostengünstiger Besuch: Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau lädt sie auf Hotelübernachtungen und Eintrittskarten ein. Darüber hinaus soll es einen Empfang im Rathaus und am Sonntag eine kostenlose Führung durch das Fussballmuseum in Dortmund geben.

Ähnliche Fussball-Philosophien

Historische Exponate ihres Vereins werden die Leipziger Fans ob ihrer relativ kurzen Bundesliga-Geschichte dort kaum begutachten können. Am Samstag um 18.30 Uhr bekommen sie dagegen die Gegenwart zu sehen. Mit 13 Punkten nach sieben Spielen legte Leipzig einen soliden Saisonstart hin, mit einem Sieg in Dortmund könnte der Rückstand auf den Tabellenführer auf drei Punkte verkürzt werden. Für den BVB ist Leipzig in dieser Bundesliga-Saison dagegen der erste richtige Härtetest.

Anders als in der vergangenen Saison treffen diesmal zwei ähnliche Fussball-Philosophien aufeinander. Damals spielte Dortmund unter Trainer Thomas Tuchel noch einen ballbesitzorientierten Fussball, unter Peter Bosz wurde er zu einem ballgewinnorientierten ummodelliert. Gegenpressing, Umschaltspiel, schnelle Angriffe. Attribute, die für den BVB unter Bosz genauso wie für die vereinsübergreifende Ausrichtung von RB stehen. In sportlicher Hinsicht.

Vom Glücklichmachen

In vereinspolitischer Hinsicht ist die Ausrichtung von Leipzig laut Watzke dagegen konträr zu der in Dortmund praktizierten. "Da wird Fussball gespielt, um eine Getränkedose zu performen", sagte Watzke vor Monaten. Nach dem Leipziger Sieg gegen Dortmund in der vergangenen Saison konterte Kaiser: "Ich spiele nicht bei RB, um eine Dose zu performen und stehe auch nicht als Dose auf dem Feld. Und dann hätte Dortmund ja auch gegen elf Dosen verloren."

Auch Trainer Ralph Hasenhüttl wollte damals nichts von Dosen-performen wissen, stattdessen verwies er auf das euphorisierte Umfeld in Leipzig: "Man sollte uns schon die Chance geben, die Menschen auf unsere Art und Weise glücklich zu machen."

Diese Art und Weise stösst in grossen Teilen Fussball-Deutschlands jedoch auf erhebliche Abneigung, vielleicht nirgendwo mehr als in Dortmund. Dem BVB wächst in der Bundesliga-Spitzengruppe ein Rivale heran, den er eigentlich nicht will.

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