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FUSSBALL LIGUE 1
Der Ex-BVB-Coach wird wohl Nachfolger von Unai Emeri
Tuchel vor Engagement bei PSG - Champions League steht über allem
10.04.2018, 13:30
Von SPORTAL
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Thomas Tuchel wird übereinstimmenden Medienberichten zufolge im kommenden Sommer nach seinem Sabbatjahr das Traineramt bei Paris Saint-Germain übernehmen. Aus Sicht der Pariser lässt eine Verpflichtung des 44-Jährigen auf einen Paradigmenwechsel schliessen. Aus Sicht des ehemaligen BVB-Trainers sagt die Unterschrift beim Milliarden-Klub viel über seine Zielsetzung für die Zukunft aus.

Die Verknappung von öffentlichen Auftritten kann den Marktwert eines Trainers steigern. Enorm steigern. Dafür gab es in den letzten Jahren immer wieder Beispiele.

Pep Guardiola konnte sich nach seinem Sabbatjahr in der Saison 2012/2013 seinen Arbeitgeber frei aussuchen. Die Zukunftsentscheidung des Barca-Tripletrainers von 2009 entwickelte sich zur heissesten Frage in der Fussballwelt, während sich dieser in die USA zurückzog und öffentlich nicht dazu äusserte. Die Verknappung des Angebots hatte eine Explosion der Nachfrage zur Folge. Letztlich entschied er sich für einen Wechsel zum FC Bayern.

Ähnlich war die Situation bei Carlo Ancelotti. Auch er zog sich nach seinem Aus bei Real Madrid im Sommer 2015 in die USA zurück. Nach einem halben Jahr stand auch bei ihm im Dezember fest, dass er sich ab Sommer den Münchnern anschliessen werde.

Thomas Tuchel: Wertsteigerung vor BVB-Zeit

Auf einer kleineren, weil nationalen Ebene, erlebte Thomas Tuchel das Phänomen der Marktwertsteigerung durch Abwesenheit schon einmal. Nach seinem vorzeitigen Rücktritt beim FSV Mainz 05 hielten sich über Monate hinweg Gerüchte darüber, wo der jahrelange Mainzer Erfolgstrainer als nächstes unterschreiben werde. Zwischenzeitlich stand er angeblich beim HSV im Wort, dann galt RB Leipzig als Destination. Die Wertsteigerung war trotz der keineswegs geräuschlosen Trennung von Mainz enorm. Letztlich übernahm er als Nachfolger von Jürgen Klopp den BVB.

Einen ähnlichen Effekt erlebt Tuchel in seinem zweiten Sabbatjahr erneut. Nach seinen zumindest sportlich erfolgreichen Jahren in Dortmund allerdings auf deutlich höherem Niveau.

Tuchel war heisser Kandidat für Heynckes-Nachfolge beim FC Bayern

Lange galt der 44-Jährige als prädestinierter Nachfolger von Jupp Heynckes beim FC Bayern. Und damit auch als Nachfolger Guardiolas und Ancelottis, die sich nach ihren Sabbaticals für den deutschen Rekordmeister entschieden hatten.

Entsprechend gross war der Paukenschlag, als vor gut zwei Wochen durchsickerte: Tuchel sagte den Bayern ab. Er stünde bereits bei einem anderen Verein im Wort.

Im Gegensatz zu den Fällen Guardiola und Ancelotti, deren Verpflichtungen die Bayern schon frühzeitig eingetütet hatten, waren sie diesmal zu spät dran. Tuchel war mit seiner Strategie, sich zurückzuziehen, erneut gut gefahren und hatte entsprechend mindestens ein reizvolles Angebot auf dem Tisch liegen. Angeblich soll er sogar aus mehreren Optionen die freie Auswahl gehabt haben.

Tuchel übernimmt PSG

Nachdem sich anfänglich Berichte über ein Engagement bei Arsenal als Nachfolger von Arsene Wenger gehäuft hatten, verdichteten sich zuletzt die Anzeichen, dass es doch eher in Richtung PSG gehen werde.

ESPN berichtete bereits vor Tagen, dass sich der Emir von Katar höchstpersönlich gegen die Entscheidungsträger im Klub durchgesetzt habe, Tuchel als Trainer verpflichten zu wollen.

Am Montag stimmte Heiko Ostendorp, Fussballchef beim Redaktionsnetzwerk Deutschland, über den Sportbuzzer in diese Meldungen mit ein. Demnach wird Tuchel Unai Emery in Paris beerben und einen Zweijahresvertrag mit einer Option auf ein weiteres Jahr erhalten.

Die offizielle Bekanntgabe wird sich noch hinziehen. Immerhin ist PSG zumindest rechnerisch noch nicht Meister (14 Punkte Vorsprung bei sechs ausstehenden Spielen) und hat im Coupe de France noch eine Titelchance (Halbfinale gegen SM Caen).

Dass es mit Emery nicht weitergehen wird, scheint jedoch seit dem Aus im Champions-League-Achtelfinale gegen Paris Saint-Germain sicher. Ja, der Gegner war Real Madrid, doch bei den Investitionen in den Kader und bei den Ansprüchen war der Spanier nicht mehr vermittelbar. Dennoch ist die Entscheidung für Tuchel überraschend.

Tuchel erfüllt PSG-Kriterien nicht

Denn Tuchel erfüllt die Kriterien der Pariser in ihrer Trainersuche auf den ersten Blick nicht. Eigentlich war PSG auf der Suche nach einem grossen Namen mit einem prall gefüllten Trophäenschrank und der Erfahrung im Umgang mit Weltstars, um die Egoismen in der Kabine befrieden zu können.

Entsprechend standen Kandidaten wie Antonio Conte, Carlo Ancelotti, Luis Enrique oder Massimiliano Allegri auf der Liste. Internationale Lösungen, deren Verpflichtung im Einklang mit dem Prestigedenken des Vereins stünden.

Angeblich hat Präsident Nasser Al Khelaifi kürzlich Kontakt zu Conte und seinen Beratern hergestellt, Sportdirektor Antero Henrique soll seinen portugiesischen Landsmann Leonardo Jardim von der AS Monaco präferiert haben.

PSG-Entscheidung pro Tuchel ein Paradigmenwechsel

Eine mutige Entscheidung, die nach Paradigmenwechsel riecht. Nach dem aggressiven Vorgehen auf dem Transfermarkt im vergangenen Sommer entscheidet sich der Verein für die Entwicklung einer Spielidee, für einen Prozess statt für den Wow-Effekt bei der Verpflichtung eines schillernderen Namens.

Dabei macht Tuchel als sportlicher Erbe Emerys durchaus Sinn. In vielerlei Hinsicht vereinen die beiden ähnliche Eigenschaften. Tuchel ist ein Fussballverrückter, bedient sich moderner Trainingsmethoden, ein taktischer Denker mit starken Prinzipien und einer klaren Spielidee, die er dank seiner Französischkenntnisse auch vermitteln kann.

Im Gegensatz zum Spanier bringt er jedoch eine noch höhere Intensität und Verbissenheit mit, von der sich die PSG-Bosse einen entscheidenden Schritt nach vorne versprechen.

Tuchels Entscheidung lässt auf Karriereplanung schliessen

Aus Tuchels persönlicher Sicht lässt die Entscheidung für einen Wechsel zu PSG Rückschlüsse auf seine sportlichen Ambitionen zu. Für den 44-Jährigen geht es um den nächsten Schritt in seiner Karriereplanung. Und der heisst "Titel sammeln". Für den Verein steht vor allem ein Traum im Fokus, den auch der ehrgeizige Tuchel verfolgt: der Champions-League-Sieg.

Mit der Entscheidung für Paris geht Tuchel einen anderen Weg als etwa Jürgen Klopp, der nach Liverpool wechselte, obwohl die nationale Konkurrenz in England ungleich höher und die Reds dort keineswegs Meisterschaftsanwärter Nummer eins sind.

Eine der kolportierten Offerten von Chelsea oder Arsenal anzunehmen, wäre mit Geduld verbunden gewesen. Manchester City scheint der Liga enteilt zu sein, mit United, Liverpool und Tottenham Hotspur sind weitere Teams im Rennen, die qua Selbstverständnis um den Titel mitspielen. Und die nebenbei aller Voraussicht nach sowohl Chelsea als auch Arsenal für die kommende Saison den Weg in die Champions League versperren.

Tuchel ordnet dem Ziel Champions League alles unter

Für PSG sind die nationalen Titel quasi Pflicht. Doch eben nur das Mindeste. Dass Emery in dieser Saison vermutlich alle drei absahnen wird und trotzdem gehen muss, spricht Bände.

Die Fallhöhe für Tuchel ist hoch, denn er wird am internationalen Resultat gemessen werden. Doch die Herausforderung der nationalen Konkurrenz ist nicht so wichtig wie das Streben nach dem Henkelpott. Dem grossen Ziel Champions League ordnen sein Trainerteam und er offenbar alles unter.

Neben den hohen Ansprüchen muss sich Tuchel der Herausforderung stellen, die exzentrischen Stars im PSG-Ensemble klug zu moderieren. Passt die Regenbogenwelt PSG zum asketischen Lebensstil Tuchels? Ist Tuchel mit seinen Prinzipien in einem Klub, in dem Geld und Einhaltung von Moralvorstellungen in den letzten Jahren nur eine untergeordnete Rolle spielten, richtig?

Kommt Tuchel mit Neymar aus?

Neymar etwa hat bei PSG eine Sonderstellung, lässt Kumpels aus der Heimat auf Vereinskosten einfliegen, organisiert 48 Stunden vor einem Spiel Geburtstagspartys, liefert sich einen öffentlichen Streit mit Sturmkollege Edinson Cavani wegen der Ausführung eines Elfmeters.

Beim BVB suspendierte Tuchel seinerzeit Pierre-Emerick Aubameyang nach einem unerlaubten Trip nach Mailand. Bei PSG könnten solche Dinge häufiger passieren. Andererseits schaffte er es auch, Aubameyang zum Torschützenkönig der Bundesliga zu entwickeln.

Und allen Warnungen zum Trotz wegen der wenig geräuschlos abgelaufenen Trennungen in Mainz und Dortmund steht auch fest: Nur die wenigsten seiner Spieler beschwerten sich im Nachhinein über Tuchel. Stattdessen schwärmten die meisten von seiner Spielidee und seiner Trainingsarbeit.

In seiner zweiten Auszeit hat Tuchel zum zweiten Mal seinen Marktwert enorm gesteigert. Und er sich letztlich für einen Verein mit den grösstmöglichen Ambitionen entschieden. The Sky is the Limit. Die Zusammenarbeit von Tuchel mit PSG ist eines der spannendsten Projekte für die kommende Saison. Die Herausforderungen sind andere als in England oder beim FC Bayern. Die Fallhöhe ist deswegen aber nicht niedriger.

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